Das Private ist politischer Glitzerlack

Champagner, die Trüffel da und, äh, Amaretto. Alles. Ich zahle und überlege beim Gehen, was Amaretto eigentlich ist. Egal, Hauptsache es klingt teuer und macht die drei Kugeln in Cellophan glamouröser. Geschenke, für Menschen die ich nicht mag, kann ich mittlerweile gut kaufen.
An der Ampel bleibe ich stehen, der Druck alles korrekt zu machen sitzt zu tief, als das ich jemals cool sein könnte. Neben mir steht ein Herr mit einem großen und einem kleinen Ohr, ich sehe ein bisschen zu lang hin.
Zuhause versuche ich Dresscode chic zu dechiffrieren und liege apathisch vor dem Kleiderschrank. Fuck this denke ich mir und esse die Pralinen selber. Dann befolge ich die drei A`s der Dinnerpartys – Ausschnitt, Absatz und Lidschatten. Überlege ein bisschen zu lange, ob ich noch was essen soll und verpasse die Straßenbahn. Streiche mir die Nägel frech mit Glitzerlack an. Das private ist politisch.
Gestresst hacke ich mit meinen drei Zentimetern in den Boden ein und denke, mein Gott, da würde ich nicht wohnen wollen. Dabei glaube ich nicht an Gott, aber vielleicht wäre das hier noch eine der sinnvolleren Zeitvertreibe. Ave Maria.
Entschuldige, sage ich achtmal, für jede Minute die ich zu spät bin, aber es verschwindet zwischen Küsschen rechts links ohne Ton. Ich weiß nicht, was schlimmer ist, das stumme Wange an Wange drücken oder das gut getimte Schmatzen. Ich habe schon Verspätungen eingeplant haucht sie mir cremefarben ins Gesichter und ich kam mir noch nie trotteliger vor.
Drinnen drehe ich Schlaufen um Kreise und habe mehr Körperkontakt als im letzten Monat. Gut, dir?
Den Unbekannten gebe ich die Hand, das hat den richtigen Steifegrad für diesen Abend.

Man darf jetzt zugreifen und wir stecken uns Grissini in den Hals und Brötchen schmücken nutzlose Hände und Gespräche. Ich hasse es, wenn ich nicht Herrin des Essens bin oder anders gesagt, nicht weiß, wie viel Vorspeise ich essen soll und was danach wartet. Viel kann es nicht sein, denn das Geschirr hat Goldrand und der wird sicherlich nicht überladen.
Die zweite Runde Sekt wird eingeschenkt und ich streiche über den Marmor der Küchenplatte. Eins, zwei, drei Schritte. Ja, die ist größer als mein Bad. Irgendwo bingt mein Handy und mein Herz sticht kurz, nein, wieder nicht er. Ich lasse mir die Wohnung zeigen. Nirgendwo hängt ein Bild oder tropft eine Farbe. Der Schrank ist groß, sehr praktikabel sage ich und meine eigentlich praktisch. Nun, wenn ich einmal einen Mann habe, wird es eng, sagt sie, lacht adrett und ich denke mir, das ich Händchen halten erstmal schon ganz okay fände. In meinem Schrank steht der Staubsauger. Wenn ich mich einsam fühle, baue ich romantische Wörter um, bis es mir besser geht. Hautnah wird Epidermisnah und das macht so einige Gedichte besser. Wenn das nicht hilft, empfehle ich romantisch besetzte Körperteile zu googlen. Die Zunge ist ein länglicher, von Schleimhaut überzogener Muskelkörper. Sie nimmt am KauenSaugen und Schlucken teil.
Die Vorspeise wird in diesen Gläsern mit durchsichtigem Boden serviert und irgendwer redet über einen David. Ich rechne aus, wie viele Glitzernagellacke ich für den Rosenschmuck kaufen könnte. Eigentlich nicht, denn ich hasse Kopfrechnen. Das Gemüse ist ein bisschen zu weich gekocht und ich lächle das erste Mal ehrlich. Lege abwechselnd meine Gabel an den Teller und werfe ein Wort auf den Tisch, denn gemeinsames Tempo ist der Schlüssel zur Harmonie.
In der Schokoladentorte kann man sich sehen. Ich sollte dringend mal meinen Spiegel putzen.
Nach dem Essen fallen die Menükarten vom Tisch und die Steifheit knickt ein bisschen. Wir spielen das Erwachsenenspiel nur noch mit halbem Gesicht.

Gratuliere, du hast abgenommen, gratuliere! Ich sage `unabsichtlich`. Machst du viel Sport? Nicken bietet sich in solchen Fällen besser an, als `zu lange in jemanden verliebt gewesen, für den ich mich nicht gut genug fühlte und viel blankes Toastbrot auf einsamen Magen‘. Das nächste mal sage ich dann Magen Darm, überlege ich mir. Willst du auch ein Bussi?

Wieder Wange an Wange pressend schließen wir den Abend und ich  kann in einem Auto mitfahren. Haben schon etwas, diese Dinnerparties.


Sonntags lasse ich mich zu einem Weihnachtsmarkt schleppen, es ist November. Es riecht nach verbranntem Zucker und Sauerkraut. Der Chorleiter spricht in seiner Ansage von blauen Nächten und, dass der Weihnachtsmann stirbt und meint es nicht poetisch. Menschen ecken an Menschen und irgendwer dampft mir Punsch aus dem Rachen ins Gesicht. Ein Junge sagt Hashtag Ehrenmensch und ich gehe nach Hause.

Auf dem Weg zum Seminar passiere ich einen Park. Ein Mann ruft Max und ich sehe einen Hund und ein Kind rennen.
„Ich kann mich schlecht kurz halten“ sagt er und ich denke, es gibt bessere Sätze, um einen Vortrag zu beginnen. Die Mittagspause verbringe ich mit Nicken und abends ist mein Hals steif. Wir müssen die Schuhe ausziehen, danke Herbst, und in Socken sieht jeder ein bisschen verletzlicher aus. Ich mag das. Jemand lacht eine Terz tiefer und ich fühle mich an das Zuhause erinnert, in dem ich nie wohnte. Eine Terz tiefer ist dort auch alles gewesen.
Meine Augen lesen Texte. Die Zeit zieht an den Gelenken, aber die sind zäh.


Misteln sind sich selber zu viel. Sie töten ihren Baum, aus Überschwang. Manchmal habe ich Angst vor meinen eigenen Misteln. Ästen mit Mistelbefall sollte ins gesunde Holz gesägt werden. Angst mir selber ins Fleisch zu graben, einen Meter zu tief. Damit kann die Ausbreitung der Pflanze in der Regel gestoppt werden. Bis in luftleere Ebenen. Das geht natürlich nur, wenn der Baum im Außenbereich befallen ist. Die Maßnahme hilft dem Baum, besser damit klarzukommen. Vielleicht sind die Misteln aber auch meine Maßnahme.

Schon wieder der dritte Tag. Immer, wenn ich sie treffe, ist es der dritte Tag nach dem Haare waschen und das macht mich nervös. Ich vergesse das und muss los.
Danach gehe ich einkaufen, da kann ich am besten nachdenken. Starrend stehe ich vor einem Regal mit Orangeat. Das fand ich schon immer ekelhaft, aber vielleicht würde es sich nach Weihnachten anfühlen, es zu kaufen.

Im nächsten Geschäft hocke ich vor Duftkerzen, ich habe mich gegen das Orangeat entschieden. Duftprofil elegant. Die Kerzen sind verschlossen. No risk no fun. Mein Handy bingt. Er. Meine Hände zittern und ich hatte ganz vergessen, wie scheiß anstrengend es ist, wenn einem jemand etwas bedeutet. Zur Beruhigung gehe ich an dem alten Cafehaus vorbei und sehe durch die Fenster.
Zuhause streiche ich meine Zehen an. Es sieht aus, als wäre Silvester auf meinen Füßen passiert. Die waren schon immer das wildeste an mir. Ich verschütte ein bisschen auf den Boden. Das ergänzt sich gut mit dem kleinen Blutfleck dort. Den hatte ich gestern aus rein ästhetischen Gründen nicht aufgewischt. Ich mag die persönliche Note.
Abends schmeiße ich den Töpferkurs und zünde meine Kerze an. Es riecht nach eleganter Toilette. Irgendwo auf Instagram hat ein Öko einen Orgasmus von seiner Gutemenschigkeit im U
nverpacktwaren-Laden. Ich lache mit meinen Schultern und eine Emmer Urkorn Nudeln fällt von meiner Gabel.

Morgens in der Straßenbahn wickelt ein Mann rosa Wolle auf und steckt sie dann in eine dieser viereckigen Umhängetaschen mit runden Ecken und ich denke mir, ja, ich auch.

 

// Sollest du dich in diesem Text erkennen, tus nicht. Die Grenzen zwischen fiktiv und echt sind durch die Luft gerissen.

Kategorie Geschichten, Kopf

Ich heiße Stephanie Anouk Doujak. Aus meiner Abschlussarbeit über Nachhaltigkeit im Alltag und Medien Kommunikation ist dieser Blog geworden, mit dem ich mir auch einen großen Traum erfülle und hoffentlich auch dich zum träumen bringe.

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