Kategorie: Geschichten

Misteln

Misteln sind sich selber zu viel. Sie töten ihren Baum, aus Überschwang.
Manchmal habe ich Angst vor meinen eigenen Misteln.
Ästen mit Mistelbefall sollte ins gesunde Holz gesägt werden.
Angst mir selber ins Fleisch zu graben, einen Meter zu tief.
Damit kann die Ausbreitung der Pflanze in der Regel gestoppt werden.
Bis in luftleere Ebenen.
Das geht natürlich nur, wenn der Baum im Außenbereich befallen ist. Die Maßnahme hilft dem Baum, besser damit klarzukommen.
Vielleicht sind die Misteln aber auch meine Maßnahme.

Rotwein wie nasser Sand

Ich trinke Rotwein aus dem Kühlschrank. Er erinnert mich an Salat. Kalt und sauer auf müden Magen. Der Teebeutel von heute morgen schläft in der Tasse am Küchentisch ein. Meine Beine liegen quer darunter, die Fersen auf dem nächsten Stuhl. Im Fenster spiegelt sich mein Abwasch, das Licht ist auf volle Lautstärke, damit wenigstens die Nachbarn mich sehen und ich weiß, dass ich hier bin. Zwischen Sprachnachrichten und einer ganz ganztägig geschlossenen Tür verläuft die Grenze der Einsamkeit und heute kippt sie um wie nasser Sand. Die Krümmel knirschen zwischen Zähnen und Zunge.
58. 59. 18:00 legitimiert Abendessen. 15 Minuten später ist der Tag fertig aufgefädelt, weil nichts mehr fehlt bis morgen kommt. Ich trinke noch einen Schluck und schließe die Vorhänge, genug existiert für heute.

Vergessen

Sie hatte so kleine Blätter mit rosa Rand, deshalb habe ich sie gekauft. Ich war auf dem Weg zur Therapie. Das muss im frühen Sommer gewesen sein. Ich nahm sie mit nach Hause und lies sie dort, auch als es nicht mehr mein Zuhause war. Es gibt nicht wirklich ein Wort für diese Tätigkeit. Für das nach Hause kommen, wenn man nicht mehr zuhause lebt. Nicht mal einandereswortfür.de liefert da etwas. Jedes mal sah ich sie auf der Küchenplatte stehen. Wenn ich besuchte, visitierte, frequentierte. Sie war da. Irgendwann nahm ich sie mit. Vielleicht hat sie mir auch jemand mitgenommen. Jedenfalls stand sie dann bei mir auch erst in der Küche. Irgendwann fiel mir auf, dass sie klein genug für diesem einen Topf mit dem Gesicht war und ich setzte sie hinein. Weil sie so klein war, konnte sie nur wenig Wasser halten und ich musste sie oft gießen. Dann rann es immer aus dem kleinen Topf in den Übertopf. Manchmal lehrte ich ihn gleich aus, manchmal hatte ich zu wenig Kraft. Wochen später vergas ich sie und mich ein paar Tage zu lange. Vertrocknet hielt ich sie unter den Wasserhahn und sah dem Wasser beim Durchweichen zu. Ich ließ sie dann wieder in der Küche stehen. Ein paar Tage kam wieder das Vergessen. Danach wollte ich sie zurück stellen. Sie war immer noch ganz feucht. Unter ihren Blättern, in der nassen Erde hatte es zu schimmeln angefangen. Ich ließ sie noch ein paar Tage in der Küche stehen. Das Vergessen war diesmal schwerer.

Weihnachten ist wie eine Urinprobe

Ich kann den Schnee nicht riechen. Er ist einfach nur da. Genauso da wie ein Straßenschild, nicht mehr da als das.
Gestern habe ich noch Weihnachtskarten gedruckt. Jetzt stehe ich vor dem Fenster und sehe meinem Hund zu, wie er Krähen beobachtet. Ich überlege, ob man Lasagne zu Weihnachten kochen könnte. Hört sich irgendwie falsch an. Vielleicht sage ich Weihnachten auch ab. Ist aber schwer irgendwie.
Ich glaube, Schnee hat gar keinen Geruch, das ist nur im Kopf. Und aus meinem ist er rausgefallen.
Weihnachten kann ich nicht sehr gut. Dieses Freuen, das klappt einfach nicht so zack bums. Mit jedem Punkt auf der Wunschliste muss ich ein Lächeln mehr üben. Es ist ein bisschen so wie eine Urinprobe. Dieser Stress zu performen. Weihnachten ist wie eine Urinprobe mit Zusehern und du musst treffen und glücklich dabei sein. Am besten du postest das dann noch irgendwo. Vielleicht mach ich doch keine Lasagne.

Suppe ist einfach

Ich weiß nicht mehr wann ich aufgegeben habe.
Es muss irgendwann zwischen zwei Suppen passiert sein. Es gibt wenig, was ich langweiliger finde als klare Brühe, aber aus Einfachheit habe ich aufgehört, das meiner Mutter zu sagen und einfach gelöffelt.
Viel habe ich gelöffelt.
So aus der Einfachheit heraus.
Richtig gut geworden bin ich, im einfach sein.
Ich weiß nicht mehr wann ich aufgegeben habe.
Vielleicht hat dazu auch das Gegebene zum Auf gefehlt.

Die sehen alle gleich aus

Die sehen einfach alle gleich aus. Wir lachen. Hinten rechts, da sitzen wir meistens. Drei Reihen vor mir schaut jemand einen Film, ein Typ klickt sich durch Facebook. Irgendwo knuspert ein Brötchen.
Vorne zieht Folie nach Folie an mir vorbei.
Es ist rumsitzen mit gutem Gewissen, weil man ist ja immerhin hergefahren. An die Uni, den Ort der Bildung.
Wir sitzen uns alle klug.

Es klopft, ich schaue auf. Vorlesung zu Ende. Nächstes mal klopfe ich mal für die Klofrau, wieso eigentlich immer nur für die angesehenen Berufe applaudieren.
Am Gang begegne ich einem weißen Mann, der, sagen wir mal seinen besten Jahren schon entflohen ist. Ich schaue ein bisschen zu lange hin, irgendwie kenne ich den doch. Chemie? Mikroökonomie?
Die sehen einfach gleich aus.
Die sehen einfach alle gleich aus.
Die sehen einfach alle gleich aus.
Fuck, die sehen einfach alle gleich aus und das ist ein Problem.

Die Diversität der Professoren ist beinahe nicht vorhanden. Ein weißer Cis Mann nach dem anderen liest uns Zitate von anderen weißen Cis Männern vor und wir können nicht anders als zuhören, wenn wir in diesem System weiterkommen wollen.
Vielleicht gibt es nicht genügend Frauen, People Of Colour, sich nicht binär identifizierende ProfessorInnen. Come on, really? Und selbst wenn – schon mal überlegt warum?

Das Problem ist nicht nur die Besetzung dieser Stellen, sondern auch die Wirkung auf uns Studenten.
Ganz ehrlich? Wenn mir da wieder so ein Heinz Matthias Wolfang etwas über Wasserwirtschaft erzählt, kann ich mich nicht in diesem Feld sehen. Ok, das hat vielleicht auch noch andere Gründe.
Aber ich lehne mich mit gutem Gewissen aus dem Fenster und sage, je nachdem ob ich mich mit dem Professor, der Professorin identifizieren kann im weiten Sinne, entscheidet mit welchem Gefühl ich in einer Vorlesung sitze und wie viel ich lerne.
Es geht außerdem nicht nur darum, sich repräsentiert zu fühlen und die verschiedenen Berufe und Felder (emotional) erreichbarer zu machen. Auch eine Vielfalt an Lebensrealitäten, Hintergründen und Sichtweisen ist enorm wichtig.
Durch Social Media kann ich mir Vielfalt in den Alltag holen und Menschen begegnen, die sonst meinen Weg nie kreuzen würden, ich kann die Blase in der ich lebe Stück für Stück platzen lassen. Ich kann mein Ohr endlich denen zuwenden, die gehört werden müssen. Menschen mit Migrationshintergrund, People Of Colour, Gender Not Confirming Menschen, … you name it – zuhören.

Aber wieso muss ich dazu online gehen?
Liebe Uni – wieso kann ich das nicht in den Vorlesungen tun? Wann lässt ihr endlich Menschen sprechen, die nicht alle gleich aussehen?

Am liebsten würde ich fuck the system schreiend aus dem Hörsaal rauschen, aber jetzt sitze ich hier und schreibe diesen Text. Weil ich an Bildung glaube. Nur nicht auf diese Art wie ihr sie uns bietet.

Ps: Du stolperst über die Bezeichnung „weiß“ und hast noch nichts über strukturellen Rassismus gehört ? Lese die letzten drei (und nicht nur die) von Arpana Aischa auf Instagram @a_aischa über Weiße Männer.

Pps: Dir fällt die fehlende Diversität in anderen Bereichen auf? Rede darüber, schreib darüber! Oder schau dir den coolsten politischen Adventkalender von Mirabella Paidamwoyo auf Instagram @mirabellapaidamwoyo an.

1080

Zwischen fünfzehn und zwanzig Uhr müssen Passbilder nicht hässlich sein, doch ich stehe meistens früher auf und laufe der Hässlichkeit durch den Rachen.
Auf den Pralinen liegt Staub.
Samstags komme ich röchelnd beim Bäcker an, gerade bevor der Anstand der Bürger den Steig hochklappt. Leer gehe ich seit ein paar Wochen nicht mehr aus, aber oft allein.
Meine Gedanken verlieren sich auf der Kopfhaut der alten Dame in der Straßenbahn. Ihre Haare sind ungefähr so viele, wie ich wöchentlich verliere. In ihrem Fall wenig, in meinem viel. Sie riecht ein bisschen nach Porzellan. Das ist so ein Geruch, den man nur denken kann.
Abends blute ich rot aufs sofa, nicht blau.
An diesem Fleck bin ich angekommen. No need for Gallseife anymore, Schatz, ich bin zuhause. #1080

Frau Flügelnuss

Bei einem von Annas Writing Wilderness Schreibworkshops, hatte ich die Ehre Frau Flügelnuss zu interviewen. Lest was sie mir verraten hat.

BAUMINTERVIEW

Name: Flügelnuss
Größe: 10 m
Wohnort: Türkenschanzpark

Liebe Frau Flügelnuss, wie geht es Ihnen heute?

Nun, es ist ein angenehmer Morgen, wie gewöhnlich samstags, ich schätze die kühle Brise und beobachte die jungen Damen, die mir etwas nah rücken, aber nicht im aufdringlichen Sinne, mit Wohlwollen. Ja, es ist einer der guten Tage.

Frau Flügelnuss, warum neigen sie ihre Äste so dem Boden zu, ja, um es nicht hängen zu nennen?

Kindchen, das Leben ist schön, von leicht war nie Rede. Ja, so ganz ehrlich gesprochen, gehen die Sorgen des Lebens nicht mal an einer Dame wie mir gänzlich vorüber. Doch dadurch bin ich nicht nur dem Boden, sondern auch den Menschen und ihren Ängsten näher. Manchmal muss man herabhängen, um tiefe Verbindungen zu schließen.

Frau Flügelnuss, Sie tragen extravaganten Schmuck – zu welchem Anlass?

Eine Frau braucht keinen anderen Anlass als sich selbst. Jeden Frühling, aus purer Sonneneuphorie lege ich ihn an. Dann schwingt er durch Frühlingswinde. Und jetzt verrate ich ihnen etwas – im späten August, wenn der Park vor Hitze summt und der Himmel nicht mehr schwarz, sondern nur noch tiefblau wird, dann flattern sie wie Blumenkränze aus Hippie Tagen und ich schmunzle über mein junges Ich von damals, als alles noch Drama war.

Viertel

Die Bäckerin zeigt auf das Brot. „Halber Kilo“. Ich sage viertel, bitte und weiß schon jetzt, dass ich Zuhause weinen muss. Wieso gibt es kein Achtel. Wieso gibt es so viel Achtel, aber nicht aus Roggen. Ich gehe nach Hause. Das ist so scheiß viel Brot. Es wird neben dem Toast landen. Gefroren. Ich will doch nur etwas Wärme.
Du musst dich erst selber lieben sagen sie und gehen dann mit Schatzi zu einem wilden Sektempfang. Positiv denkt und manifestiert euch ins Knie denke ich und lächle ein Ja.
„Weißt du, das kommt von ganz allein, das passiert einfach weißt du?“ „Wars nicht so, Schatzi, so wars doch?“ Ich muss ein bisschen lachen, das habe ich mir bis Silvester 2015 auch immer gesagt. Same procedure as every year.
Dann gehe ich, das Viertel wartet. Selbst gefroren ist mir das lieber als Kosenamen die auf i enden und kosen ist sowieso eines der grindigsten Wörter die ich kenne.

Bald ist morgen und dann wieder und wieder. Ich perfektioniere die zu kochende Menge an Nudeln für eine Person und Klopapier habe ich jetzt auch im Vorrat. Läuft doch gut, sage ich mir und mir fällt gar nicht mehr auf, dass niemand zuhört.


Professor  M. rudert immer mit seinen Armen durch die Vorlesung. Er führt sie hoch bis zum Kinn, lässt sie fallen und der nächste Kreis beginnt. Es sieht aus als wollte er seine Gedärme aufwirbeln. In denen schwimmen bestimmt warm vorgekaute Formeln. Das ist nicht die Form von Wärme die ich wollte. Ich hypnotisiere seine Hände bis mir ein bisschen schwindelig wird, er ergötzt sich an Exeldateien. Ergöözt. Mit schiefen Kopf stelle ich mir seine Kinder vor.
Danach gehen wir noch ein Käffchen trinken, also nicht Herr M., sondern die anderen und ich. Niemand trinkt Kaffee, Tee ist alles was dieser Tag verträgt. Kuchen bestellen wir auch nicht, dazu kennen wir uns nicht lang genug. Es ist die Phase in der man vieles bejaht, dafür muss man später mit schlechten Filmeabenden büßen. Aber später ist ja nicht heute. Ich nicke.
Freitags gehe ich ins Museum, die Bilder sind die gleichen wie immer. Zumindest kann ich jetzt pejorativ sagen statt oasch. Es lebe die Uni.
Der Unterschied zwischen inter- und transdiziplär ist für mich noch eher diffus. A scho wurscht. Beide machen Sätze exorbitant distinguierter, ja nahezu formidabel adäquat, weniger diametral, beinahe eminent differenziert. Seht her, wir kotzen euch unsere Weisheit noch unverdaut und sauer vor die Füße und zahlen dafür nur 19 Euro pro Semester. Ein brachiales oasch finde ich trotzdem noch besser. Wenig ist prädestiniert für so vieles. Ich gehe nach Hause.

Es ist Herbst und ich kann die Vorhänge schon früh zu machen und am Sofa sitzen. Nicht das ich das im Sommer nicht mache, das Sitzen. Meine Fenster schwitzen, also eigentlich meine Wäsche, aber die müssen es ausbaden. Baden nicht gerade, bisschen perlen vielleicht. Nach einer Weile beginnen meine Knie immer weh zutun, weil ich sie so an mich quetsche. Irgendwann merke ich das nicht mehr. Ich habe etwas gefunden, irgendwo zwischen Mensa und Bimstation. Und deshalb spüre ich meine Knie jetzt nicht mehr. Ich würd jetzt nicht sagen, dass ich mich gefunden habe. Eher etwas, das sich besser lebt, als die sonstige präpotent graue Blase. Das für immer nicht mehr ganz so beengend macht und zwischen Farben wohnt.  Läuft doch ganz gut, denke ich mir und es hört immer noch niemand zu.

Im Bus kippt ein Mann über seinen Papieren weg und ein Mädchen fragt, welcher denn ihr längster Finger wäre. Der Ring soll ja nicht runterfallen. Süß.

Meine Knie quetsche ich jetzt öfter und verlerne wieder ein paar affektierte Wörter. Immerhin weiß ich jetzt, welches die ganz bösen Äpfel sind und, dass die Risikoforschung auch innerhalb der Neoklassik möglich ist. Zumindest aufgeschrieben habe ich es. Es lebe die Uni.

Mittwochs tut meine Hand weh. Bisschen viel illustriert, sage ich lachend. Hat doch was geil erhabenes. Donnerstags ist es nicht mehr geil und meine Sehnen entzündet.
Weißt du, man weiß nie wofür etwas gut ist sagen sie und gehen dann zum Punschstand mit Schatzi Nummer zwei. Positiv denkt euch doch alle selber. Ich betrete das Orthopädie Geschäft, man kann gar nicht anders als den Namen einzuatmen. Santitätshaus.
Zuhause stapelt sich alles und der Kühlschrank riecht nach müder Petersilie. Ich sitze am Sofa und spüre meine Knie. Das geht doch mit links ist das bescheuertste Sprichwort und ich verfluche geschlossene Gläser. Die Bäckerin macht mir den Geldbeutel zu. Meine Haare fliegen in alle Richtungen und ich kann nichts dagegen tun.

Ich gehe nach Hause. Weine über Quarkumschläge und Verpackungen. Muss mich wenigstens nicht abschminken. Läuft irgendwie nicht so gut sage ich und merke, dass niemand zuhört.

Melde mich von Prüfungen ab und ein Gewerbe an. Kaufe ein viertel Brot, bisschen Platz im Gefrierfach ist noch.

Abends treffe ich jemand von früher. Er ist ein bisschen betrunken, ich nicht. Ich lache ein bisschen lauter, damit es nicht auffällt. Er zeigt mir sein neues Tattoo und ich frage, ob er sich dadurch wirklich mehr Frauen erhofft. Das ist das wichtigste, die Liebe, weißt du? Hm, ja.
Ich denke an Quark und die Kinder von Herrn M. Dann gehe ich nach Hause.
Esse hartes Brot, niemand hört mir zu, aber zumindest habe ich keinen Löwentattoo über meinem Bauchnabel. Manchmal läuft das doch ganz gut. Und manchmal oasch, aber auch das ist legitim und zur Not manifestiere ich mir einmal heftig ins Knie.

Existenz in sattem gelb

eigentlich bin ich ja nur hergefahren, weil ich sonst nichts besseres zutun hatte und und jetzt ist es ganz schön schön, so hier und jetzt.
im buchladen schlendere ich herum, drehe buchrücken, kaufe eine kitschige guilty pleasure und warum denn eigentlich guilty? nun, man hat ja ansprüche an sich. und dann noch ein zweites, damit ich mich unter den blicken der verkäuferin nicht allzu flach fühle, so richtig was mit 19hundertsoundso, harter stoff eben, nicht nur das cover. und vielleicht ist das ja auch ziemlich doof, wahrscheinlich denkt sich die verkäuferin nichts und alles ist wieder in meinem kopf und ich springe nur wieder mit mir selber so hart um.
ich sitze draußen, an einem tisch, bei dessen größe ich mich schon an schuldgefühlen hindern muss, weil ich ihn so ganz allein okkupiere. aber vielleicht passt das ja auch zur situation, vielleicht muss ich einfach lernen meinen platz einzunehmen, ja mir meinen platz in der welt zuzugestehen.
ich trinke etwas, was ich nie mochte, es schmeckt als würde ich in eine wiese beißen, aber irgendwas hat geklickt und ich finde das jetzt gut und nicht mehr zum kopfschütteln. vielleicht sind die sieben jahre rum, in denen sich die geschlacksnerven erneuern, zumindest hat mir das mal jemand erzählt oder vielleicht ist geschmack dann doch mehr im kopf als auf der zunge.
während ich mit seiten raschle, bemühe ich mich langsame schlucke zu trinken, damit ich meine existenz hier im café rechtfertige mit dem stand der flüssigkeit in meinen glas. ich überlege, ob das jetzt auch nur in wien so sein kann, dass ich hier für wenige euros so lang sitze und dann denke ich mir, dass ich endlich weniger überlegen und mehr sitzen sollte, aber allein das ist ja schon wieder denken. sonst ist trinken aber eher eine sache von erledigen statt langsamkeit bei mir und viel zu oft vergesse ich es auch. vielleicht kann man sich ihn ja antrainieren, den durst auf trinken und vielleicht auch auf vieles andere.
der himmel ist sehr blau und man kann sogar große stücke davon sehen, mehr als in meiner gasse, aber weniger als zuhause. die wärme liegt ganz nah auf der haut und traure ihr schon nach, was ja an sich schwachsinn ist, aber das tue ich ja jedes jahr und never change a running system, das sagt man doch so.
neben mir unterhalten sich zwei frauen, die eine hat ihre roten schuhe neben dem tisch abgestellt und ihre beine um einander gerankt, ich kenne diesen freiheitsdrang der zehen. zweimal blicke ich zu lange hinüber und werde bemerkt, dann blicke ich demonstrativ nach links, versuche zu spüren, ob sie wieder wegblickt und lese dann weiter, im buch nicht in ihren gesten.
seit langem lese ich wieder über kapitel und kapitel hinüber, das buch ist so ganz anders als gedacht, aber es fliegt soviel leichter voran, weil es nicht mit schwere oder sinn behaftet ist.
dieses gemurmel, wenn gespräche verschwimmen, aber noch nicht zum lärm verklingen, ist wie sommer im ohr. manchmal bleibe ich dann doch hängen und gesichter laden sich mit stimmen und worten auf, bevor sie wieder verschwinden. dann muss ich heimlich zurück blättern, weil ich wieder eine seite bloß mit den augen und ohne hirn gelesen habe.
als ich meine zeit nun definitiv abgesessen habe und noch mal in die wiese beißen, das wäre dann doch zu viel, vielleicht ja in sieben jahren dann, zahle ich und gehe weiter.
der sommer will anscheinend auch seinen platz in der welt beweisen, seine existenzberechtigung und bestellt zwar kein getränk, aber setzt sich ganz einfach sattgelb in die straßen. kitschig ist das, aber dafür bin ich ja heimlich anfällig.
auf dem heimweg nehme ich die kurzweilige blindheit für das letzte warm im gesicht in kauf und lasse mich vom sommer blenden und denke für einen kurzen moment an nichts.