Ich heiße Stephanie Anouk Doujak. Aus meiner Abschlussarbeit über Nachhaltigkeit im Alltag und Medien Kommunikation ist dieser Blog geworden, mit dem ich mir auch einen großen Traum erfülle und hoffentlich auch dich zum träumen bringe.

Alle Artikel von Stephanie Doujak

Banane

Auf meinem Stuhl liegt eine Banane. Im Bauch ein aaaah. Vor dem Fenster gehen zwei Schornsteinfeger vorbei, sie sehen sich die Felgen des Mercedes an. Viel Glück bringt auch nichts, wenn das, was du wirklich willst nicht ist. Und wenn es lang genug nicht ist, redet sich die Zeit in den Kopf, bis du denkst es nie gewollt zu haben. Spiritualität fickt deine Gefühle bis alles gut sein muss und genau deshalb nicht ist.
Ich werfe die Banane weg.

Das Private ist politischer Glitzerlack

Champagner, die Trüffel da und, äh, Amaretto. Alles. Ich zahle und überlege beim Gehen, was Amaretto eigentlich ist. Egal, Hauptsache es klingt teuer und macht die drei Kugeln in Cellophan glamouröser. Geschenke, für Menschen die ich nicht mag, kann ich mittlerweile gut kaufen.
An der Ampel bleibe ich stehen, der Druck alles korrekt zu machen sitzt zu tief, als das ich jemals cool sein könnte. Neben mir steht ein Herr mit einem großen und einem kleinen Ohr, ich sehe ein bisschen zu lang hin.
Zuhause versuche ich Dresscode chic zu dechiffrieren und liege apathisch vor dem Kleiderschrank. Fuck this denke ich mir und esse die Pralinen selber. Dann befolge ich die drei A`s der Dinnerpartys – Ausschnitt, Absatz und Lidschatten. Überlege ein bisschen zu lange, ob ich noch was essen soll und verpasse die Straßenbahn. Streiche mir die Nägel frech mit Glitzerlack an. Das private ist politisch.
Gestresst hacke ich mit meinen drei Zentimetern in den Boden ein und denke, mein Gott, da würde ich nicht wohnen wollen. Dabei glaube ich nicht an Gott, aber vielleicht wäre das hier noch eine der sinnvolleren Zeitvertreibe. Ave Maria.
Entschuldige, sage ich achtmal, für jede Minute die ich zu spät bin, aber es verschwindet zwischen Küsschen rechts links ohne Ton. Ich weiß nicht, was schlimmer ist, das stumme Wange an Wange drücken oder das gut getimte Schmatzen. Ich habe schon Verspätungen eingeplant haucht sie mir cremefarben ins Gesichter und ich kam mir noch nie trotteliger vor.
Drinnen drehe ich Schlaufen um Kreise und habe mehr Körperkontakt als im letzten Monat. Gut, dir?
Den Unbekannten gebe ich die Hand, das hat den richtigen Steifegrad für diesen Abend.

Man darf jetzt zugreifen und wir stecken uns Grissini in den Hals und Brötchen schmücken nutzlose Hände und Gespräche. Ich hasse es, wenn ich nicht Herrin des Essens bin oder anders gesagt, nicht weiß, wie viel Vorspeise ich essen soll und was danach wartet. Viel kann es nicht sein, denn das Geschirr hat Goldrand und der wird sicherlich nicht überladen.
Die zweite Runde Sekt wird eingeschenkt und ich streiche über den Marmor der Küchenplatte. Eins, zwei, drei Schritte. Ja, die ist größer als mein Bad. Irgendwo bingt mein Handy und mein Herz sticht kurz, nein, wieder nicht er. Ich lasse mir die Wohnung zeigen. Nirgendwo hängt ein Bild oder tropft eine Farbe. Der Schrank ist groß, sehr praktikabel sage ich und meine eigentlich praktisch. Nun, wenn ich einmal einen Mann habe, wird es eng, sagt sie, lacht adrett und ich denke mir, das ich Händchen halten erstmal schon ganz okay fände. In meinem Schrank steht der Staubsauger. Wenn ich mich einsam fühle, baue ich romantische Wörter um, bis es mir besser geht. Hautnah wird Epidermisnah und das macht so einige Gedichte besser. Wenn das nicht hilft, empfehle ich romantisch besetzte Körperteile zu googlen. Die Zunge ist ein länglicher, von Schleimhaut überzogener Muskelkörper. Sie nimmt am KauenSaugen und Schlucken teil.
Die Vorspeise wird in diesen Gläsern mit durchsichtigem Boden serviert und irgendwer redet über einen David. Ich rechne aus, wie viele Glitzernagellacke ich für den Rosenschmuck kaufen könnte. Eigentlich nicht, denn ich hasse Kopfrechnen. Das Gemüse ist ein bisschen zu weich gekocht und ich lächle das erste Mal ehrlich. Lege abwechselnd meine Gabel an den Teller und werfe ein Wort auf den Tisch, denn gemeinsames Tempo ist der Schlüssel zur Harmonie.
In der Schokoladentorte kann man sich sehen. Ich sollte dringend mal meinen Spiegel putzen.
Nach dem Essen fallen die Menükarten vom Tisch und die Steifheit knickt ein bisschen. Wir spielen das Erwachsenenspiel nur noch mit halbem Gesicht.

Gratuliere, du hast abgenommen, gratuliere! Ich sage `unabsichtlich`. Machst du viel Sport? Nicken bietet sich in solchen Fällen besser an, als `zu lange in jemanden verliebt gewesen, für den ich mich nicht gut genug fühlte und viel blankes Toastbrot auf einsamen Magen‘. Das nächste mal sage ich dann Magen Darm, überlege ich mir. Willst du auch ein Bussi?

Wieder Wange an Wange pressend schließen wir den Abend und ich  kann in einem Auto mitfahren. Haben schon etwas, diese Dinnerparties.


Sonntags lasse ich mich zu einem Weihnachtsmarkt schleppen, es ist November. Es riecht nach verbranntem Zucker und Sauerkraut. Der Chorleiter spricht in seiner Ansage von blauen Nächten und, dass der Weihnachtsmann stirbt und meint es nicht poetisch. Menschen ecken an Menschen und irgendwer dampft mir Punsch aus dem Rachen ins Gesicht. Ein Junge sagt Hashtag Ehrenmensch und ich gehe nach Hause.

Auf dem Weg zum Seminar passiere ich einen Park. Ein Mann ruft Max und ich sehe einen Hund und ein Kind rennen.
„Ich kann mich schlecht kurz halten“ sagt er und ich denke, es gibt bessere Sätze, um einen Vortrag zu beginnen. Die Mittagspause verbringe ich mit Nicken und abends ist mein Hals steif. Wir müssen die Schuhe ausziehen, danke Herbst, und in Socken sieht jeder ein bisschen verletzlicher aus. Ich mag das. Jemand lacht eine Terz tiefer und ich fühle mich an das Zuhause erinnert, in dem ich nie wohnte. Eine Terz tiefer ist dort auch alles gewesen.
Meine Augen lesen Texte. Die Zeit zieht an den Gelenken, aber die sind zäh.


Misteln sind sich selber zu viel. Sie töten ihren Baum, aus Überschwang. Manchmal habe ich Angst vor meinen eigenen Misteln. Ästen mit Mistelbefall sollte ins gesunde Holz gesägt werden. Angst mir selber ins Fleisch zu graben, einen Meter zu tief. Damit kann die Ausbreitung der Pflanze in der Regel gestoppt werden. Bis in luftleere Ebenen. Das geht natürlich nur, wenn der Baum im Außenbereich befallen ist. Die Maßnahme hilft dem Baum, besser damit klarzukommen. Vielleicht sind die Misteln aber auch meine Maßnahme.

Schon wieder der dritte Tag. Immer, wenn ich sie treffe, ist es der dritte Tag nach dem Haare waschen und das macht mich nervös. Ich vergesse das und muss los.
Danach gehe ich einkaufen, da kann ich am besten nachdenken. Starrend stehe ich vor einem Regal mit Orangeat. Das fand ich schon immer ekelhaft, aber vielleicht würde es sich nach Weihnachten anfühlen, es zu kaufen.

Im nächsten Geschäft hocke ich vor Duftkerzen, ich habe mich gegen das Orangeat entschieden. Duftprofil elegant. Die Kerzen sind verschlossen. No risk no fun. Mein Handy bingt. Er. Meine Hände zittern und ich hatte ganz vergessen, wie scheiß anstrengend es ist, wenn einem jemand etwas bedeutet. Zur Beruhigung gehe ich an dem alten Cafehaus vorbei und sehe durch die Fenster.
Zuhause streiche ich meine Zehen an. Es sieht aus, als wäre Silvester auf meinen Füßen passiert. Die waren schon immer das wildeste an mir. Ich verschütte ein bisschen auf den Boden. Das ergänzt sich gut mit dem kleinen Blutfleck dort. Den hatte ich gestern aus rein ästhetischen Gründen nicht aufgewischt. Ich mag die persönliche Note.
Abends schmeiße ich den Töpferkurs und zünde meine Kerze an. Es riecht nach eleganter Toilette. Irgendwo auf Instagram hat ein Öko einen Orgasmus von seiner Gutemenschigkeit im U
nverpacktwaren-Laden. Ich lache mit meinen Schultern und eine Emmer Urkorn Nudeln fällt von meiner Gabel.

Morgens in der Straßenbahn wickelt ein Mann rosa Wolle auf und steckt sie dann in eine dieser viereckigen Umhängetaschen mit runden Ecken und ich denke mir, ja, ich auch.

 

// Sollest du dich in diesem Text erkennen, tus nicht. Die Grenzen zwischen fiktiv und echt sind durch die Luft gerissen.

Enden ohne Punkt

ich atme enden ohne punkt
verschlucke mich gegen 3
dagegen hilft
decke in die gassen hängen,
handtücher im schleudergang.
atmen – zu.

meine schultern sind endlich wieder angespannt.
atmen – auf.

blauer lippenstift,
tanzen bis deine hände aus meiner taille fallen.
atmen – hoch.

in der innenseite meines schenkels liegt dein hüftgelenk von gestern,
vielleicht habe ich mich auch nur angehaut.
um deinen namen zu sehen muss ich schon scrollen und tu es nicht. immer.
atmen – unten.

geborgenheit musst du jetzt aus anderen busen nuckeln,
ich streiche mir selber über den kopf.
schmeiße alle deine allergien in einen topf und ordentlich knoblauch drauf.
atmen – hinaus.

male punkte punkte punkte.
vergiss nicht, ich weiß wie deine zehen aussehen, wie lang du gebraucht hast.
atmen, atmen.

Zahnmulde und Kochtopf

Ich habe Mamas Zähne. Der mittlere steht vor seinem Nachbarn und sagt `hallo` beim Lachen. Ich weiß das von früher. In letzter Zeit sagt Mamas Zahn selten `hallo`.
In letzter Zeit, das ist so ein Ausdruck, den verwendet man, wenn man sich selber vergewissern muss, dass man gelebt hat. Wenn man sich kurz umschauen muss, kurz in den Ärmel lucken und in der Jackentasche krümmeln bis man ein Gestern findet. Dann nickt man bevor man es weiß und sagt, ja, in letzter Zeit.
Ich frage mich, ob Mama auch kichern müsste – Zähne als Nachbarn.

Wenn ich nervös bin, verschwindet meine Zungenspitze hinter dem Zahn in der Mulde.

Ich stehe vor dem Spiegel und übe Lachen ohne Zahn. Gleich klingelt Papa. Ich überlege, ob er Mamas Zahn damals gespürt hat, beim Küssen. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie das jemals getan haben. Krame durch Fotos auf der Suche nach Mündern und finde bloß Urlaub.

Papa und ich finden uns selten. Manchmal passiert das in Kochtöpfen. Zwischen Kala-Namak-Salz und Ochsenherztomaten kreist der Kochlöffel und es eckt nicht mehr alles an. Er sagt dann `Zwiebeln sind das süßeste Gemüse` und ich nicke. Das funktioniert, ich darf nur nicht den Zahn zeigen.

Wenn ich sonntags Mama besuche, öffne ich den Kühlschrank, obwohl ich weiß, dass in der Gemüselade nichts liegen wird. Manchmal ein müder Fenchel. Mama, sage ich dann.
Beim Kochen achte ich darauf nicht allzu rund zu rühren. Wenn sie wegsieht, lasse ich manchmal Kala-Namak-Salz in den Topf fallen und meine Zunge verschwindet in der Mulde.

Jedes Mal wenn ich Oma besuche, kann ich ein Stückchen mehr in ihren Halsfalten verschwinden während sie von Ralf erzählt. Jedes Mal, das ist so ein Ausdruck, den man verwendet, wenn man die Male auffädeln muss, um sich rechtfertigen. Wenn man die Geschichten vom letzten Mal oben in den Koffer packt, um sie bei der Hand zu haben, wenn die ziehenden Worte anfangen. Zu Hand haben, das ist so ein Ausdruck, den man verwendet, wenn der Glücksstein in der Hosentasche fehlt und man sich streicheln muss.

Wenn ich meinen Mund schließe und die Töpfe im Schrank stehen, dann suche ich meine Nase. Manchmal vergesse ich, dass sie da ist und nur mir gehört. Gehören, das ist so ein Wort, das findet man, wenn man auszieht. Seitdem versalze ich mein Essen und lache dazu – mit Zahn.

Ich würge Generationen

Du willst mir die Farben erklären,
Doch ich habe vergessen wie Kinderzöpfe fliegen.
Atmest mir fleischrot ins Gesicht,
Ich sage ja,
Weil das Nein seit Uroma begraben liegt.
Ziehst mir Maschen um den Hals,
Alle finden es herzig
Zwei Zentimeter zu tief
Und ich würge dir Generationen zwischen die Beine
Laufe ins Grün und atme bis alles blau wird.

Rosa Zucker bekommt man nicht geschenkt

Früher war bei uns die Badezimmertür immer offen. Es gab einfach keinen Schlüssel. Meine Mutter saß am Klo und ich unterhielt mich mit ihr. Meine Oberschenkel hatten bald lauter Dellen von der Badematte auf der ich saß. Eine dieser Badematten, mit den Fäden, die auftauchen, sich einmal umwurschteln und dann wieder ins Gewebe tauchen. Ich war damals schon schwer genug, dass der Druck reichte, um Dellen in die Haut zu bekommen, aber noch nicht viele Jahre alt. Du darfst es nicht weitersagen, ich sah sie an, aber Papa hat dir ein Geschenk gekauft. Sie lächelte nicht so sehr, wie ich es erhofft hatte.
Ein paar Tage zuvor, war ich mit meinem Vater im Auto gefahren. Wir warteten an der Ampel. Der Gürtel schnitt meinen Hals. Mama hat bald Geburtstag, du musst ihr was schenken. Die Ampel wurde grün.
Irgendwann war ich dann alt genug, um Mama selber Geschenke zu kaufen. Die für Papa, die kaufte sie mir immer.

Im Sommer fuhren wir jahrelang nach Spanien und wohnten dort im selben Haus. Die Steinmauern rochen immer nach Salz. Das Gras war breit, mit einem Knick die Mittellinie entlang laufend und man sank leicht knisternd ein.
In einem Jahr durfte ich Papas Fingernägel lackieren. Wir, mein Bruder und ich fanden das lustig, aber er sah meistens nur in den Computer und abends, wenn Mama meinen Bruder ins Bett brachte, dann telefonierte er. Lange. Damals habe ich mich nicht gewundert und heute möchte ich nicht mehr fragen.
Mama hatte diesen Sommer oft lange Ohrringe an und ich wollte auch unbedingt Ohrlöcher bekommen, um schön zu sein.
Zwei Jahre später sind wir nicht mehr nach Spanien gefahren.


Irgendwann kamen wir auf die Idee, dass wenn man die Schublade des Schrankes neben der Tür aufmacht, dass dann die Badezimmertür nicht mehr aufgeht. Zumindest nur noch einen Spalt. Seitdem gingen wir alleine aufs Klo. Duschen blieb eine allgemein zugängliche Tätigkeit. Ich wartete auf das Warmwasser und stand in der Badewanne. Meine Mutter saß am geschlossenen Klodeckel. Maries Eltern trennen sich, heute in der Pause, also da hat sie es mir erzählt. Sie schwieg und fragte dann in meinen Rücken, wie wäre das für dich. Schlimm, sagte ich, schlimm.


Früher, also früher früher waren wir manchmal im ersten Bezirk. Alle. Das ist dann fast nie mehr vorgekommen, das alle. Ich kann mich vor allem daran erinnern, weil der Zucker rosa war. In diesem einen Laden gab es bunten Zucker und einer war ganz rosa. In meiner Vorstellung haben wir ihn gekauft, aber ich kann mich nicht erinnern, dass er jemals im Regal stand bei uns.
Ich glaube, jemand hat mich damals an der Hand gehalten, weil ich erinnere nur den Blick auf die Pflastersteine und die Pferdepisse, die durch die Rillen dazwischen läuft. Hätte mich niemand gehalten, wäre ich doch hinein gefallen. In den Boden gefallen. Wenn ich jetzt dort spazieren gehe – nein, kein Wiener geht dort spazieren. Wenn ich jetzt dort vorbei gehe, dann rieche ich es nur noch. Ich muss jetzt selber gerade schauen.

Gelegenheiten

ich will renates rote rüben reiben
mit meiner zunge, zwischen zahngeröll
stiegenhauskreise keuchen bis zum dachboden
ich will nicht stolpern, aber ich will die gelegenheit dazu eröffnen
ich glaub du hattest meinen schlüssel ausgeliehen
excuse me
but I’m searching
und du verstellst mir die sicht
herst oida
atmen, blau, atmen
we’ve got this
im zwei tagesrhythmus
danke, ich helf mir selber,
aber da,
halt mal kurz mein gepäck

Ich bin kurz die Zeit / Berlin

einfach nur da sein. berlin.
– Marion, Himmel über Berlin


I.
manchmal muss man weglaufen um anzukommen. und manchmal einfach nur um wegzulaufen. man muss das dableiben mit dasein tauschen und dazu braucht es ein weg und vor allem ein laufen.

Maybachufer

ein mann trägt seinen schnauzer spazieren, die sonne klebt sich an die finger, genau da, wo das getränk übergeschwappt war. der kanal fließt schwarz und schlierig, ein tabakpackerl obenauf. die schwäne schnappen nach touristen fotos, die luft riecht warm. ein bisschen nach gras, zucker und schweiß. daneben verklebt sich die grenze zwischen donutglasur und lippenstift pink, ein krümel landet irgendwo zwischen baumelnden busen und bauchtasche, die nägel sind noch ein stück abgefressener als die zigarette.
irgendwo zwischen vollurkorngetreide und einmal m13 bitte tauen die knöchel wieder auf. frühling. eine frau trägt augenbrauen, sie sind fragender als ich gegen ein uhr nachts. ich laufe weiter, das geht hier im schritttempo, sonst stolpert man über augen, in denen man hängen bleiben möchte. aus dem fotoautomaten kommt auch kein neues gesicht.
in himmel über berlin sagt sie einsamkeit heißt ich bin jetzt ganz und manchmal fällt einem erst beim einatmen auf, wie lang man es vergessen hatte. freitags dürfen ungewissheiten gerade stehen und solange man läuft, läuft mögliches mit. da oder da.

Kreuzberg


das das das ding is
voll voll voll
– stirnfransen flattern
krass ey
voll voll voll
– das bier wird leer
in der bubble bubububble
voll
– beinhaare schlackern
i`m not doing berghain
ey ich hab kein money
– nagellack blättert
oah krass
total
– ein hund
boah süß
voll voll voll

Charlottenburg


im siebten stock hängt jemand wäsche an die luft. sie bleibt hängen im frühling, den sich alle vergewissern und dann den kopf schütteln, viel zu früh, viel, kann nicht sein, um dann ein leises hach in den ärmel zu murmeln.
die glocken schlagen sicherheit in den tag, zwölf, laut und deutlich, bevor alles wieder zerrinnt. in meinem kaffee fliegen flocken. schwimmen, fliegen unter wasser. die reise ist ein bisschen wie fliegen unter wasser. schwimmen wird zu fliegen.
links, in einem auto sind die kopfstützen mit stoff überzogen, bremsen mit blumen an kopf.
jemand, der lautstärke zu urteilen, etwas, bohrt durch die ganze straße. irgendwann muss neu ja hergestellt werden. doch die sonne ist stärker. um die ecke rauchen sich jungen die kindheit aus der lunge und husten nur heimlich.
über die schwelle stehe ich zwischen kaugummi, kisten, zwischen blau und gelb. dreimal österreich, bitte. 90, hier. vor mir liegt dreimal johanniskraut und ein schwämmchen. meine finger greifen stotternd danach und verschwinden im schwamm. die bleiben gleich hier? ja, danke. ich stehe wieder auf der straße. denke an dich, unsere haare sind jetzt gleich lang und du redest von der prüderie der post.

Markthalle


die einen trinken mate, die anderen austern. ein ehepaar macht fotos vor dem kleinen wagen, daneben stehen die jungen vor einem fotoautomat. ich bin in der mitte des brötchens, der mann gegenüber knüllt sein papier schon zusammen und geht. sonst esse ich immer am schnellsten, aber ich denke an dich. du hast aufgehört meine nase zu küssen.

Kottbusser Tor


wie jedes mal bleibt mein blick am perspektivenfehler des ubahnfensters hängen. ein mann, den man ohne risiko alt nennen kann, nickt seiner frau zu. sie atmen ein und stehen wie mit kaugummi in den gelenken auf. er trägt diese schuhe, mit kleiner beule an der großen zehe. ich fühle mich kurz sicher.
ich suche nach blauen haaren, es sind viele. ich komme zu dir, roter mantel, schreibt sie mir, wir finden uns. ich weiß nicht wie sie heißt, klatsche mein herz auf den boden, dann frage ich nach.
unter den ubahn bögen redet eine bomberjacke auf mom jeans ein. mansplaining bleibt mansplaining, egal wie vintage das rad unter seinem handgelenk ist.
alle haben hier voll die connection und ich nur lust auf gesichter.

Nollendorfplatz

ein „ich hol dich ab“, nach einem feuerwerkstag im uterus. blutsturzausbruch. 

Halensee


beim einsteigen halte ich jetzt schon das kärtchen hoch, bin ein wenig enttäuscht, der busfahrer sieht nicht hin. steige die treppen hoch. du schreibst mir wieder. „der bus endet hier.“ ich lese nur dich. „auch die dame im obergeschoss darf jetzt aussteigen“, ich renne die treppen hinunter und sehe ja nicht hin. es wäre lächerlich jetzt zu weinen. wäre wird ist. es ist ein bisschen kalt. ich warte auf den nächsten bus. ein mann versucht vorne auszusteigen, ich lächle kurz, das habe ich schon gelernt.

Moabit


die zeit wird alles heilen, aber was ist, wenn die zeit selbst die krankheit ist, fragt marion. ich kann meine wunde nicht finden. sehe nur tropfen, wenn ich mich umdrehe.
zehn tulpen kosten hier nur drei euro in ubahn schlingen. neben einem hochhaus steht eine tanne und wirft kratzige schatten.
ich fotografiere mich in spiegelungen. bitte sich festzuhalten. trinke einen kaffee und betrachte meinen daumen. der ist so da, wie du es niemals warst. ich weiß gar nicht, wie beweglich deiner ist, es war zu kurz.
ich trinke einen zweiten kaffee bis mein kopf dröhnt.
mit dem letzten stück kuchen wird für einen moment alles gut.
ich zähle die sprenkel am boden der sbahn. die ampeln sind hier lange grün. ich bin kurz die zeit.

Tegel

die anzeige sagt guten flug und ich möchte sie fragen, woher sie weiß, dass ich mich für einen guten flug entschieden habe.
business class – ist das das mit der beinfreiheit, fragt ein mann seine frau. sie trägt eine tasche aus reißverschluss. eine von denen, die 2010 was ganz flott neues in bastelläden waren.
im getränkeautomat kostet aus der ferne alles 88,88, eckige stichansammlungen zwischen sprudel und zucker.
irgendwo quietschen cros über den flur, ich frage eine dame ob sie auf meinen mantel aufpassen kann. nenne sie dame in meinem kopf, damit ich ihr vertraue. klotüren die nach innen öffnen sind wie leerstellen. zwischen knie, tür, schüssel fällt aus allem kurz der sinn.
verspätung. ich sehe dir beim schreiben und überlegen zu. online. schreibt. online. schreibt schreibt schreibt. ich möchte dir zusehen, einen moment nur augen sein, während du neben mir lebst.
in der sechszehnten reihe übe ich platz einnehmen und öffne die knie.
ich komme an und laufe nicht weg. ein teil hat angst, der andere hat es vergessen und dreht die heizung auf.
im koffer kugelt noch der apfel vom hinflug. ich bin wieder da.

Misteln

Misteln sind sich selber zu viel. Sie töten ihren Baum, aus Überschwang.
Manchmal habe ich Angst vor meinen eigenen Misteln.
Ästen mit Mistelbefall sollte ins gesunde Holz gesägt werden.
Angst mir selber ins Fleisch zu graben, einen Meter zu tief.
Damit kann die Ausbreitung der Pflanze in der Regel gestoppt werden.
Bis in luftleere Ebenen.
Das geht natürlich nur, wenn der Baum im Außenbereich befallen ist. Die Maßnahme hilft dem Baum, besser damit klarzukommen.
Vielleicht sind die Misteln aber auch meine Maßnahme.