Rosa Zucker bekommt man nicht geschenkt

Früher war bei uns die Badezimmertür immer offen. Es gab einfach keinen Schlüssel. Meine Mutter saß am Klo und ich unterhielt mich mit ihr. Meine Oberschenkel hatten bald lauter Dellen von der Badematte auf der ich saß. Eine dieser Badematten, mit den Fäden, die auftauchen, sich einmal umwurschteln und dann wieder ins Gewebe tauchen. Ich war damals schon schwer genug, dass der Druck reichte, um Dellen in die Haut zu bekommen, aber noch nicht viele Jahre alt. Du darfst es nicht weitersagen, ich sah sie an, aber Papa hat dir ein Geschenk gekauft. Sie lächelte nicht so sehr, wie ich es erhofft hatte.
Ein paar Tage zuvor, war ich mit meinem Vater im Auto gefahren. Wir warteten an der Ampel. Der Gürtel schnitt meinen Hals. Mama hat bald Geburtstag, du musst ihr was schenken. Die Ampel wurde grün.
Irgendwann war ich dann alt genug, um Mama selber Geschenke zu kaufen. Die für Papa, die kaufte sie mir immer.

Im Sommer fuhren wir jahrelang nach Spanien und wohnten dort im selben Haus. Die Steinmauern rochen immer nach Salz. Das Gras war breit, mit einem Knick die Mittellinie entlang laufend und man sank leicht knisternd ein.
In einem Jahr durfte ich Papas Fingernägel lackieren. Wir, mein Bruder und ich fanden das lustig, aber er sah meistens nur in den Computer und abends, wenn Mama meinen Bruder ins Bett brachte, dann telefonierte er. Lange. Damals habe ich mich nicht gewundert und heute möchte ich nicht mehr fragen.
Mama hatte diesen Sommer oft lange Ohrringe an und ich wollte auch unbedingt Ohrlöcher bekommen, um schön zu sein.
Zwei Jahre später sind wir nicht mehr nach Spanien gefahren.


Irgendwann kamen wir auf die Idee, dass wenn man die Schublade des Schrankes neben der Tür aufmacht, dass dann die Badezimmertür nicht mehr aufgeht. Zumindest nur noch einen Spalt. Seitdem gingen wir alleine aufs Klo. Duschen blieb eine allgemein zugängliche Tätigkeit. Ich wartete auf das Warmwasser und stand in der Badewanne. Meine Mutter saß am geschlossenen Klodeckel. Maries Eltern trennen sich, heute in der Pause, also da hat sie es mir erzählt. Sie schwieg und fragte dann in meinen Rücken, wie wäre das für dich. Schlimm, sagte ich, schlimm.


Früher, also früher früher waren wir manchmal im ersten Bezirk. Alle. Das ist dann fast nie mehr vorgekommen, das alle. Ich kann mich vor allem daran erinnern, weil der Zucker rosa war. In diesem einen Laden gab es bunten Zucker und einer war ganz rosa. In meiner Vorstellung haben wir ihn gekauft, aber ich kann mich nicht erinnern, dass er jemals im Regal stand bei uns.
Ich glaube, jemand hat mich damals an der Hand gehalten, weil ich erinnere nur den Blick auf die Pflastersteine und die Pferdepisse, die durch die Rillen dazwischen läuft. Hätte mich niemand gehalten, wäre ich doch hinein gefallen. In den Boden gefallen. Wenn ich jetzt dort spazieren gehe – nein, kein Wiener geht dort spazieren. Wenn ich jetzt dort vorbei gehe, dann rieche ich es nur noch. Ich muss jetzt selber gerade schauen.

Kategorie Geschichten, Kopf

Ich heiße Stephanie Anouk Doujak. Aus meiner Abschlussarbeit über Nachhaltigkeit im Alltag und Medien Kommunikation ist dieser Blog geworden, mit dem ich mir auch einen großen Traum erfülle und hoffentlich auch dich zum träumen bringe.

2 Kommentare

    • Stephanie Doujak

      freut mich, wenn meine worte ankommen. danke für dein kommentar und alles liebe, anouk.

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