Kategorie: Kopf

Rotwein wie nasser Sand

Ich trinke Rotwein aus dem Kühlschrank. Er erinnert mich an Salat. Kalt und sauer auf müden Magen. Der Teebeutel von heute morgen schläft in der Tasse am Küchentisch ein. Meine Beine liegen quer darunter, die Fersen auf dem nächsten Stuhl. Im Fenster spiegelt sich mein Abwasch, das Licht ist auf volle Lautstärke, damit wenigstens die Nachbarn mich sehen und ich weiß, dass ich hier bin. Zwischen Sprachnachrichten und einer ganz ganztägig geschlossenen Tür verläuft die Grenze der Einsamkeit und heute kippt sie um wie nasser Sand. Die Krümmel knirschen zwischen Zähnen und Zunge.
58. 59. 18:00 legitimiert Abendessen. 15 Minuten später ist der Tag fertig aufgefädelt, weil nichts mehr fehlt bis morgen kommt. Ich trinke noch einen Schluck und schließe die Vorhänge, genug existiert für heute.

Du willst das

Du willst das Patriarchat smashen baby
Stickst es dir rosa auf die Brust
Trinkst Kaffee wo Worte fehlen
und klebst die Wunden mit Glitzer.
Aber baby
bei dir hängt Schiele an der Wand
Nachts tinderst du dich zu Anerkennung
und der rosa Faden is sponsert by Papi
Lass uns smashen baby
und fang mit schreien an
nein nein du kannst dich nicht da hin setzten
Spread in der Bim bis alle bis in die Speiseröhre sehen können
Schiele is next
der hängt schon schief.

Vergessen

Sie hatte so kleine Blätter mit rosa Rand, deshalb habe ich sie gekauft. Ich war auf dem Weg zur Therapie. Das muss im frühen Sommer gewesen sein. Ich nahm sie mit nach Hause und lies sie dort, auch als es nicht mehr mein Zuhause war. Es gibt nicht wirklich ein Wort für diese Tätigkeit. Für das nach Hause kommen, wenn man nicht mehr zuhause lebt. Nicht mal einandereswortfür.de liefert da etwas. Jedes mal sah ich sie auf der Küchenplatte stehen. Wenn ich besuchte, visitierte, frequentierte. Sie war da. Irgendwann nahm ich sie mit. Vielleicht hat sie mir auch jemand mitgenommen. Jedenfalls stand sie dann bei mir auch erst in der Küche. Irgendwann fiel mir auf, dass sie klein genug für diesem einen Topf mit dem Gesicht war und ich setzte sie hinein. Weil sie so klein war, konnte sie nur wenig Wasser halten und ich musste sie oft gießen. Dann rann es immer aus dem kleinen Topf in den Übertopf. Manchmal lehrte ich ihn gleich aus, manchmal hatte ich zu wenig Kraft. Wochen später vergas ich sie und mich ein paar Tage zu lange. Vertrocknet hielt ich sie unter den Wasserhahn und sah dem Wasser beim Durchweichen zu. Ich ließ sie dann wieder in der Küche stehen. Ein paar Tage kam wieder das Vergessen. Danach wollte ich sie zurück stellen. Sie war immer noch ganz feucht. Unter ihren Blättern, in der nassen Erde hatte es zu schimmeln angefangen. Ich ließ sie noch ein paar Tage in der Küche stehen. Das Vergessen war diesmal schwerer.

Weihnachten ist wie eine Urinprobe

Ich kann den Schnee nicht riechen. Er ist einfach nur da. Genauso da wie ein Straßenschild, nicht mehr da als das.
Gestern habe ich noch Weihnachtskarten gedruckt. Jetzt stehe ich vor dem Fenster und sehe meinem Hund zu, wie er Krähen beobachtet. Ich überlege, ob man Lasagne zu Weihnachten kochen könnte. Hört sich irgendwie falsch an. Vielleicht sage ich Weihnachten auch ab. Ist aber schwer irgendwie.
Ich glaube, Schnee hat gar keinen Geruch, das ist nur im Kopf. Und aus meinem ist er rausgefallen.
Weihnachten kann ich nicht sehr gut. Dieses Freuen, das klappt einfach nicht so zack bums. Mit jedem Punkt auf der Wunschliste muss ich ein Lächeln mehr üben. Es ist ein bisschen so wie eine Urinprobe. Dieser Stress zu performen. Weihnachten ist wie eine Urinprobe mit Zusehern und du musst treffen und glücklich dabei sein. Am besten du postest das dann noch irgendwo. Vielleicht mach ich doch keine Lasagne.

Suppe ist einfach

Ich weiß nicht mehr wann ich aufgegeben habe.
Es muss irgendwann zwischen zwei Suppen passiert sein. Es gibt wenig, was ich langweiliger finde als klare Brühe, aber aus Einfachheit habe ich aufgehört, das meiner Mutter zu sagen und einfach gelöffelt.
Viel habe ich gelöffelt.
So aus der Einfachheit heraus.
Richtig gut geworden bin ich, im einfach sein.
Ich weiß nicht mehr wann ich aufgegeben habe.
Vielleicht hat dazu auch das Gegebene zum Auf gefehlt.

Die sehen alle gleich aus

Die sehen einfach alle gleich aus. Wir lachen. Hinten rechts, da sitzen wir meistens. Drei Reihen vor mir schaut jemand einen Film, ein Typ klickt sich durch Facebook. Irgendwo knuspert ein Brötchen.
Vorne zieht Folie nach Folie an mir vorbei.
Es ist rumsitzen mit gutem Gewissen, weil man ist ja immerhin hergefahren. An die Uni, den Ort der Bildung.
Wir sitzen uns alle klug.

Es klopft, ich schaue auf. Vorlesung zu Ende. Nächstes mal klopfe ich mal für die Klofrau, wieso eigentlich immer nur für die angesehenen Berufe applaudieren.
Am Gang begegne ich einem weißen Mann, der, sagen wir mal seinen besten Jahren schon entflohen ist. Ich schaue ein bisschen zu lange hin, irgendwie kenne ich den doch. Chemie? Mikroökonomie?
Die sehen einfach gleich aus.
Die sehen einfach alle gleich aus.
Die sehen einfach alle gleich aus.
Fuck, die sehen einfach alle gleich aus und das ist ein Problem.

Die Diversität der Professoren ist beinahe nicht vorhanden. Ein weißer Cis Mann nach dem anderen liest uns Zitate von anderen weißen Cis Männern vor und wir können nicht anders als zuhören, wenn wir in diesem System weiterkommen wollen.
Vielleicht gibt es nicht genügend Frauen, People Of Colour, sich nicht binär identifizierende ProfessorInnen. Come on, really? Und selbst wenn – schon mal überlegt warum?

Das Problem ist nicht nur die Besetzung dieser Stellen, sondern auch die Wirkung auf uns Studenten.
Ganz ehrlich? Wenn mir da wieder so ein Heinz Matthias Wolfang etwas über Wasserwirtschaft erzählt, kann ich mich nicht in diesem Feld sehen. Ok, das hat vielleicht auch noch andere Gründe.
Aber ich lehne mich mit gutem Gewissen aus dem Fenster und sage, je nachdem ob ich mich mit dem Professor, der Professorin identifizieren kann im weiten Sinne, entscheidet mit welchem Gefühl ich in einer Vorlesung sitze und wie viel ich lerne.
Es geht außerdem nicht nur darum, sich repräsentiert zu fühlen und die verschiedenen Berufe und Felder (emotional) erreichbarer zu machen. Auch eine Vielfalt an Lebensrealitäten, Hintergründen und Sichtweisen ist enorm wichtig.
Durch Social Media kann ich mir Vielfalt in den Alltag holen und Menschen begegnen, die sonst meinen Weg nie kreuzen würden, ich kann die Blase in der ich lebe Stück für Stück platzen lassen. Ich kann mein Ohr endlich denen zuwenden, die gehört werden müssen. Menschen mit Migrationshintergrund, People Of Colour, Gender Not Confirming Menschen, … you name it – zuhören.

Aber wieso muss ich dazu online gehen?
Liebe Uni – wieso kann ich das nicht in den Vorlesungen tun? Wann lässt ihr endlich Menschen sprechen, die nicht alle gleich aussehen?

Am liebsten würde ich fuck the system schreiend aus dem Hörsaal rauschen, aber jetzt sitze ich hier und schreibe diesen Text. Weil ich an Bildung glaube. Nur nicht auf diese Art wie ihr sie uns bietet.

Ps: Du stolperst über die Bezeichnung „weiß“ und hast noch nichts über strukturellen Rassismus gehört ? Lese die letzten drei (und nicht nur die) von Arpana Aischa auf Instagram @a_aischa über Weiße Männer.

Pps: Dir fällt die fehlende Diversität in anderen Bereichen auf? Rede darüber, schreib darüber! Oder schau dir den coolsten politischen Adventkalender von Mirabella Paidamwoyo auf Instagram @mirabellapaidamwoyo an.

1080

Zwischen fünfzehn und zwanzig Uhr müssen Passbilder nicht hässlich sein, doch ich stehe meistens früher auf und laufe der Hässlichkeit durch den Rachen.
Auf den Pralinen liegt Staub.
Samstags komme ich röchelnd beim Bäcker an, gerade bevor der Anstand der Bürger den Steig hochklappt. Leer gehe ich seit ein paar Wochen nicht mehr aus, aber oft allein.
Meine Gedanken verlieren sich auf der Kopfhaut der alten Dame in der Straßenbahn. Ihre Haare sind ungefähr so viele, wie ich wöchentlich verliere. In ihrem Fall wenig, in meinem viel. Sie riecht ein bisschen nach Porzellan. Das ist so ein Geruch, den man nur denken kann.
Abends blute ich rot aufs sofa, nicht blau.
An diesem Fleck bin ich angekommen. No need for Gallseife anymore, Schatz, ich bin zuhause. #1080

Jetzt fällt die Zeit

lampe.lampe.lampe.stuhl!
wo bin ich – du.
zwischen schrauben verteilt
und an wände gestrichen
habe ich mich.
allein. mich mich mich.
so muss es sein.
wo bin ich.
zwischen spiegel, leben und türangel
schwinge ich
in dunkelgrün
und kratze meine spuren
ins holz
zwischen eure.
jetzt fällt die zeit
reif vom baum
in die straßen wiens.
zwischen pflastersteinen jage ich
sie
die zeit
und finde dich
und hauptsächlich mich.

Frau Flügelnuss

Bei einem von Annas Writing Wilderness Schreibworkshops, hatte ich die Ehre Frau Flügelnuss zu interviewen. Lest was sie mir verraten hat.

BAUMINTERVIEW

Name: Flügelnuss
Größe: 10 m
Wohnort: Türkenschanzpark

Liebe Frau Flügelnuss, wie geht es Ihnen heute?

Nun, es ist ein angenehmer Morgen, wie gewöhnlich samstags, ich schätze die kühle Brise und beobachte die jungen Damen, die mir etwas nah rücken, aber nicht im aufdringlichen Sinne, mit Wohlwollen. Ja, es ist einer der guten Tage.

Frau Flügelnuss, warum neigen sie ihre Äste so dem Boden zu, ja, um es nicht hängen zu nennen?

Kindchen, das Leben ist schön, von leicht war nie Rede. Ja, so ganz ehrlich gesprochen, gehen die Sorgen des Lebens nicht mal an einer Dame wie mir gänzlich vorüber. Doch dadurch bin ich nicht nur dem Boden, sondern auch den Menschen und ihren Ängsten näher. Manchmal muss man herabhängen, um tiefe Verbindungen zu schließen.

Frau Flügelnuss, Sie tragen extravaganten Schmuck – zu welchem Anlass?

Eine Frau braucht keinen anderen Anlass als sich selbst. Jeden Frühling, aus purer Sonneneuphorie lege ich ihn an. Dann schwingt er durch Frühlingswinde. Und jetzt verrate ich ihnen etwas – im späten August, wenn der Park vor Hitze summt und der Himmel nicht mehr schwarz, sondern nur noch tiefblau wird, dann flattern sie wie Blumenkränze aus Hippie Tagen und ich schmunzle über mein junges Ich von damals, als alles noch Drama war.